Wundersame WeihnachtsGeschichten


Lindas Weihnachtsgeschenke

Die kleine Mia hat beide Händchen voll: Kritzelzeichnungen, zerknitterte Zettel, eine bunte Socke…, Geschenke für jene,

die sie ganz besonders mag.

Mit der Weisheit eines Kindes, das die wahre Bedeutung von Weihnachten verstanden hat, verkündet sie:

"Mia alle lieb haben!"


Mia ist gerade mal zwei Jahre alt, mit Augen so groß wie Teetassen und einem Herz so warm wie frisch gebackene Plätzchen. Dieses Jahr würde etwas ganz Besonderes sein, denn zum ersten Mal in ihrem kurzen Leben macht sich der kleine Engel daran, für alle, die sie ganz besonders mag, Weihnachtsgeschenke zu suchen. Oh, was für eine aufregende Aufgabe das ist! 

Mit der Entschlossenheit eines kleinen Generals marschiert Mia durch das Haus. Ihre Windel knarzt und raschelt bei jedem Schritt und - so seltsam es auch erscheint - das Geräusch ist heute ungewohnt anderes, es hat irgendwie einen besonderen, feierlichen Klang. 

Mias Mission ist klar: Für jeden, den sie ins Herz geschlossen hat, soll das perfekte Geschenk gefunden werden.

Zuerst denkt sie an Papa. Was kann sie ihm nur schenken? Da erinnert sie sich an den Tag, als Papa ihr wackeliges Schaukelpferd reparierte.

Mit einem triumphierenden "Aha!" greift sie nach ihren bunten Wachsmalkreiden und zaubert liebevoll ein großes Strichmännchen mit einem überdimensionalen Schrauben-dreher auf ein bereits übervolles Blatt Papier. "Papa reparieren!", verkündet sie stolz. 

Für Mama braucht es etwas ganz Wertvolles. Mia malt ein kleineres Strichmännchen mit wilden Locken, die in alle Richtungen abstehen. "Mama schön!", kicherte sie, während sie noch ein paar extra Locken hinzufügt, bis das Papier fast schwarz ist. 

Ihr kleiner Bruder, kaum vier Monate alt, ist eine echte Herausforderung. Was schenkt man jemandem, der den ganzen Tag nur schläft, isst und... nun ja, was so ein kleiner Racker eben sonst noch macht. Mia entscheidet sich für etwas Praktisches: eine ihrer alten, kleinen Socken. "Lukas warm!", erklärt sie feierlich, als sie das bunte Söckchen als Geschenk reserviert. 

Für Opa hat Mia auch etwas ganz Tolles im Sinn. Sie übt stundenlang vor dem Spiegel, bis sie das breiteste, fröhlichste Lachen zustande bringt, das die Welt je gesehen hat. "Opa freuen!", strahlt sie, fest entschlossen, dieses Lächeln bis Weihnachten aufzuheben. 

Oma soll ein Lied bekommen. Immer wieder summt die kleine Sängerin eine neue Melodie, die prompt wieder vergessen wird. Aber das macht nichts, denn wie aus dem Nichts fällt Mia wie hergeflogen eine neue ein.

"Oma singen!", verkündete sie fröhlich, während sie eine Tonfolge anstimmte, die sich verdächtig nach dem anhört, was Oma ihr schon so oft vorgesungen hat.

Die geliebten Tanten stellen den Dreikäsehoch vor ein Problem. Diese stehen nämlich so hoch im Kurs, dass ein gewöhnliches Geschenk einfach nicht ausreicht. Nach langem Nachdenken (für Mia ist eine Minute schon eine halbe Ewigkeit) hat sie die perfekte Idee: Sie würde ihnen einen gemeinsamen Regenbogen schenken! Nun muss sie nur noch einen fangen..., ok, müssen halt die Buntstifte dafür herhalten. Ha, da ist ja auch noch ein Stückchen weißer Karton. 

Für die Katzen Henry und Michael hat Mia auch eine prima Idee. Sie nimmt Tücher aus Mamas Putzschrank und ein auf dem Sofa vergessenes Wollknäuel, das Tante Lina bei ihrem letzten Besuch bei ihnen daheim vergessen hat. Wie wundervoll rosa und weich das ist, perfekt um daraus kuschelige Nester zu bauen. "Miau schlafen!", erklärte sie fachkundig, während sie die Putzlappen und die Wolle eifrig zusammenwurschtelt, was dann zum Schluss eher abstrakten Kunstwerken als Katzenbettchen gleicht. 

Aber die eifrige Geschenksucherin  ist noch nicht fertig. Sie hat zwei ganz wunderbare Schätze aufbewahrt. Von ihrem kleinen Basteltisch holt sie stolz einen zerknitterten Zettel. "Sonne!", ruft sie aufgedreht. Es ist ein Sonnenstrahl, den sie im Herbst "gesammelt" hat - in Wirklichkeit aber eine liebevolle Kritzelei gelber Striche auf einem Stück Papier: in Mias Augen der hellste und wärmste Sonnenstrahl der Welt.

Und dann ist da noch die Schneeflocke. Mia stand, als es letzte Woche geschneit hatte, stundenlang vor der gläsernen Terrassentür und hat gewartet, bis die perfekte Flocke vorbeischwebte.

Gott sei Dank weiß der übermütige Schelm schon, wie man Türen öffnet, sonst könnte man ja gar nicht in den Garten laufen. Mit der Präzision eines Chirurgen (nun ja, eines sehr kleinen, etwas tollpatschigen Chirurgen) hatte Mia versucht, das zarte Gebilde einzufangen, bevor sich dieses zur weißen Pracht am Gartenboden dazugesellen konnte. Das Ergebnis war letztendlich ein feuchter Fleck auf ihren Patschhändchen, aber für ihre erwartungsvollen Augen war es die schönste Schneeflocke, ojeh, gewesen, die je vom Himmel gefallen war. Zum Glück waren auf dem Boden ja über und über Glitzersterne in einer weichen Schneedecke, aus der sie einen kleinen Schneeball formte, den sie anschließend ins Gefrierfach kullern ließ. Wie gesagt, Türen öffnen kann sie ja schon, auch Kühlschranktüren ;-) 

Nun ist Mia froh, weil sie für jeden ein Geschenk für Weihnachten gefunden hat. Papa bekommt einen Riesenschraubenzieher (zumindest auf dem Papier), Mama wird zur Locken-Königin gekrönt, der kleine Bruder würde nie wieder kalte Füße haben, wenigstens ein Fuß bleibt immer warm, Opa wird in Gedanken schon mal mit dem breitesten Lächeln der Welt konfrontiert, Oma bekommt, wenn Mia daran denkt, ein täglich wechselndes Singkonzert, die Tanten einen Regenbogen. Vielleicht läuft dieser doch eher in eine fantasievolle Geschichte hinaus, die sie plappernd ihren geliebten Tanten erzählen wird, damit nicht so viele etwas Gemaltes bekommen.

Auf die Katzen wartet jeweils ein Putzlappen- und Wollknäuelpalast.

Dazu kommen noch der auf einem Blatt Papier „konservierte“ Sonnenstrahl und die eingesammelten Schneeflocken in Form eines tiefgefrorenen kleinen Schneeballs. 

Mia steht inmitten ihrer Geschenke, die Händchen voller Zeichnungen, zerknitterter Zettel und einer bunten Socke. Mit der Weisheit eines Kindes, das die wahre Bedeutung von Weihnachten verstanden hat, verkündet sie: "Alle lieb haben!" 

Und so, mit einem Herzen voller Liebe und Händen voller ungewöhnlicher Geschenke, ist der kleine Wonneproppen bereit für Weihnachten. Es würde sicherlich ein Fest werden, das keiner so schnell vergessen wird – vermutlich bleibt die Erinnerung ein Leben lang in den Gedanken der so liebevoll Beschenkten.

Das größte Geschenk aber hat sich Mia durch die aufregende Geschenksuche selber schon gemacht, auch wenn sie es mit ihren zwei Jahren jetzt noch gar nicht versteht.