Ein spontanes, ganz besonderes Krippenspiel:
Wer braucht schon Könige,
wenn man Königinnen haben kann?
Ein Wäschekorb voller weicher Korbwäsche,
zwei Stubentiger… und,
im wahrsten Sinn des Wortes, ein Jesuskind:
Mehr als genug für eine wahrhaft heilige Geschichte.
In jenen Tagen, in einem verschneiten, adventlich geschmückten Städtchen namens Neumarkt, eigentlich ja Pölling, leben zusammen mit ihren Eltern die Schwestern Lara und Lina. Sie sind, nur nebenbei erwähnt, außerhalb dieser Erzählung gerade auf Herbergssuche, was gut in diese vorweihnachtliche Zeit passt. Christlich gesehen ist es also das Jahr Null für die Geschwister, ja gar für die ganze Familie – aber dies ist wieder eine andere Geschichte und wird später zu erzählen sein. Die beiden jedenfalls haben eine bezaubernde, zweijährige Nichte namens Mia, die in Siegenhofen lebt – in einem Dorf hinter den sieben Bergen - zwar nicht mit den sieben Zwergen, aber auch nicht allein daheim (ist noch zu klein). Die Schwesterlinge in Pölling beschließen spontan ein ganz besonderes Krippenspiel auf die Beine zu stellen – eines, das die Welt noch nicht gesehen hat.
Lara, die ältere der beiden Schwestern, ruft begeistert: "Lina, lass uns die heiligen drei Königinnen spielen! Wer braucht schon Könige, wenn man Königinnen haben kann?" Lina nickt zustimmend: "Genau, aber wer soll unsere dritte Königin sein?"
In diesem Moment stapft die kleine Mia zur Küchentür herein, die mit ihren Eltern Ella und Niklas gerade zu Besuch gekommen ist. Lukas, ihr vier Monate alter Bruder, ist auch mit dabei. Der kleine Wirbelwind Mia hat schon vom Flur aus zugehört und strahlt begeistert auf ihre unverwechselbare Art: „Ich Königin“. In der Hand hat sie ihren geliebten Anton, eine von Lina gehäkelte kleine Schildkröte, die sie von dieser geschenkt bekommen hat. Das grüne, wollene Panzertierchen hütet sie wie einen Schatz. Schnell ist die Idee geboren - um es vorweg zu nehmen, auch schon das Jesuskind, aber dazu später - eine Krone aus Alufolie zu basteln und auf dem Kopf von Mia zu drapieren. „Ich Königin“ lacht sie nochmal, als sie ihr Spiegelbild in der gläsernen Türklappe des Küchenherdes erblickt. Die Schwestern, Lina 25 Jahre, Lara 31 Jahre, sehen sich trotzdem – siehe Alter - in kindlicher Freude an: "Na, da haben wir ja unsere dritte königliche Majestätin, wer sagt’s denn?“ (Anmerkung vom Erzähler: Lara war’s ;-).
Nun machen sich die drei auf die Suche nach dem Jesuskind. Mias gehäkelte grüne Schildkröte Anton kann es bei aller Liebe ja wirklich nicht sein. Also halten sie Ausschau nach einem „Stall“ und interpretieren Linas Zimmer als den Ort, wo die Niederkunft des kleinen Messias in ihren Augen stattgefunden haben soll. Also machen sie sich dorthin auf den Weg, einfach ausgedrückt: Den Flur entlang gegangen, schon ist man da. Ein Hirtenhund, ich meine natürlich Linas Assistenzhündin Mellie, sitzt auf den ehrwürdigen, morschen Holzdielen, die man in Baumärkten Parkett nennt und begrüßt die Ankömmlinge scheinbar ehrfürchtig mit einem unterdrückten, leisen „Wuff“. Dieses fällt nicht aus Rücksicht auf das noch aufzufindende Gottessöhnchen so zaghaft aus, sondern weil man als Assistenzhund in bestimmten Situationen gar nicht bellen soll. Und dies ist gerade so eine Situation, deren Erklärung jedoch an dieser Stelle den Rahmen der Geschichte sprengen würde. Mit ihren großen, hirtenhundbraunen Augen starrt Mellie die drei Königinnen, eine nach der anderen an, steht dann auf und trottet zur Couch. Dort legt sie den Kopf schief, schnüffelt an den großen, weichen Kissen, was ein sehr leises „Miau“ und ein ziemlich lauteres „Fauch“ auslöst. Das sind Stimpi und Merle, die beiden StubenOchs und -Esel, äh, …-Tiger. „Wir sind da“ flüstert die heilige Lara Casparin, „ja, hier muss es sein“, haucht Lina Balthasarin zurück. Die kleine hellhäutige Melchiorin lacht: „Mia Königin!“ Dann sehen sie die Krippe: Ein Wäschekorb voller weicher Korbwäsche, etwas versteckt hinter den besagten Kissen. Ein Hirte aus der Küche hatte sich kurz vorher ganz unauffällig mit dem nichtsahnenden Lukas auf dem Arm unter einem absurden Vorwand von der „Besucherherde“ gelöst. Mit stoischer Ruhe wurde die heilige Stätte in Linas Zimmer vorsorglich vorbereitet und der viermonatige Enkel absturzsicher im Wäscheparadies abgelegt. „Mensch Opa“, biss ihn das Gewissen kurz, doch schon kommen die heiligen drei Königinnen angeschlichen. In Linas Zimmer sitzt der Hirtenhund… halt, da waren wir ja schon ;-).
"Oh mein Gott!", ruft Lara gekünstelt überrascht, um bei der zweijährigen Miakönigin Eindruck zu schinden. "Wir haben unser Jesuskind gefunden!" „Und schon so groß, kurz nach der Geburt“ betont Lina im gleichen Stil. Mia schaut ungläubig - wenn ich das Wort hier verwenden darf – und nähert sich mit angemessenem Trippelschritt dem Wäschekorb. StubenOchs und -Esel strecken sich kurz, Vorderpfoten und Krallen ausgestreckt, dann verlassen sie das heilige Sofa Richtung Küche, ist ja nur ein Katzensprung.
In diesem Moment kommen Ella und Niklas, die Eltern von Mia und Lukas, ins Zimmer. "Was ist denn hier los?", fragt Niklas akkurat, als gäbe es einen Fall aufzuklären, einen „Cold Case“ sozusagen, oder sowas ähnliches. Lara grinst schelmisch und tiefsinnig, oder ist’s unsinnig(?): „Willkommen Maria und Joseph im Stall von Pölling.“
Ella schaut in den heiligen Waschkorb, sieht den darin befindlichen Sohn Lukas und lacht. "Na gut, dann spielen wir eben mit. Wer übernimmt das Gefolge der bereits hier anwesenden heiligen drei Königinnen?“
Als hätten sie nur auf ihr Stichwort gewartet, betreten der ehemalige Hirte Opa Willi und Oma Renata, eine mächtige Fürstin, wie man unter vorgehaltener Hand tuschelt, Linas Zimmer. "Wir haben Plätzchen gebacken!", verkündet die hochwohlgeborene Oma loyal. Das übrige Gefolge, in Form von Opa Willi, fügt demütig hinzu: "Und ich habe Kinderpunsch mitgebracht, mit original orientalischen Gewürzen aus dem Morgenland. War im Angebot“. Na gut, die letzte Information hätte es hier nicht gebraucht.
Ach, wie gerne wäre Opa Kaiser Augustus, der hie und da einen lustigen Befehl wie zum Beispiel den einer Volkszählung erlässt, wenn wieder jemand bei ihnen oder ihren Verwandten geboren wird.
Oder zumindest Herodes, nein nein, der war ja gegen die Einjährigen, glaube ich.
Doch zurück zur heiligen Geschichte, lassen wir sie mit Zimbeln und Harfenspiel gebührlich ausklingen, um es mal übertrieben gleichnisvoll zu umschreiben.
Lara klatscht also in ihre königlichen Hände. "Perfekt!“ Bringt alle eure Gaben zum Jesuskind auf dass man ihm huldige!“
Rasseln und Beißringe werden gereicht, Greifringe und Bälle wandern in die Wäschekrippe, wo Lukas allmählich ungeduldig und hungrig wird, was wiederum Mama Ella-Maria auf den Plan bringt: „Ah, komm her, kleiner, süßer Jesusracker,“ und die Speisung in Mamas Armen, nicht zu verwechseln mit `die Speisung der Armen`, beginnt.
In der Zwischenzeit, danach und sowieso, werden Omas leckeren Plätzchen verzehrt, Mias mit Marmeladenfüllung bekleckerten Hände kommentiert sie selbst mit „Hände mutzig, Mia Königin“. Opa Willi beschüttet sich während einer seiner Hustenorgien unrühmlich mit Kinderpunsch - und so weiter und so weiter.
So verselbstständigt sich das Krippenspiel in einer Art und Weise wie es die Welt noch nicht gesehen hat, im positiven Sinne natürlich. Es ist wie immer, mit dem „Gut drauf“ und so und wie bei jeder nächstbesten Zusammenkunft und bei jeder Feierlichkeit in dieser Runde. Ob die „Siegenhofener“, die heilige Familie Ella, Niklas, Mia und Lukas zum Eieressen im Frühling auch wieder nach Pölling kommen, oder wir, die Pöllinger nach Siegenhofen? Bestimmt sieht man sich! Wie gesagt, …bei jeder nächstbesten Zusammenkunft und Feierlichkeit denn: Jawoll, wir können auch Ostern! ;-).
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