Ein kleines Mädchen zupft fragend an Jeschuas Gewand: "Bist du Jesus?" Der beugt sich zu ihr hinunter und flüstert: "Was denkst du denn, meine Kleine?" Das Mädchen schmunzelt und meint:
"Nein, du kannst eigentlich gar nicht Jesus sein.
Der hätte bestimmt keine so lustigen Witze gemacht!" Jeschua entgegnet lächelnd: „Kleinen Menschen wie dir gehört das Himmelreich.“
Es ist ein kalter Dezembertag an dem Jeschua kurzfristig beschließt, dem bayerischen Städtchen Neumarkt einen Besuch abzustatten. Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen schlendert er durch die weihnachtlich geschmückten Straßen, unerkannt von den geschäftigen Passanten. Die Menschen erledigen eilig ihre Weihnachtseinkäufe, wiedermal, wie jedes Jahr vor dem besinnlichen Fest, beinahe auf dem letzten Drücker.
`Meine Güte`, denkt Jeschua, als er am Rathaus ankommt und vor dem Bronzerelief, einem Modell der Neumarkter Altstadt, stehen bleibt. `Die haben aber ordentlich aufgerüstet seit meinem letzten Besuch.` Er betrachtete die detailreiche Darstellung der Stadt und kann nicht umhin, über die imposanten Kirchen zu staunen, die mit das Stadtbild dominieren. "Donnerwetter", murmelt er und kratzt sich am Bart. "Die haben ja richtige Prachtbauten für mich hingestellt. Ob die wohl wissen, dass ich eigentlich lieber unter freiem Himmel predige?"
Sein Blick wandert über die Abbildungen der St. Johannes Kirche und der Hofkirche `Zu unserer lieben Frau`. "Holla die Waldfee, die sind ja gefühlt größer als der Tempel meines Vaters in Jerusalem", staunt er. Dann fällt sein Auge auf die etwas kleinere, evangelische Christuskirche. "Ah, die Protestanten", schmunzelt er. "Immer für eine Überraschung gut. Bescheiden und schnuckelig, so mögen wir das!"
Während Jeschua so in Gedanken versunken das Relief betrachtet, bemerkt er, wie sich eine kleine Menschentraube um ihn herum bildet. Die Leute mustern ihn neugierig, vermutlich wegen seines etwas ungewöhnlichen Aussehens: Lange Haare, Bart und dann die „Jesuslatschen“, mitten in der winterlichen Oberpfalz.
"Na", denkt sich Jeschua, "wenn ich schon mal hier bin, kann ich ja auch ein wenig mit den Leuten reden und ihnen meine Gedanken nahe bringen.“ Er räuspert sich und wendet sich an die Umstehenden: "Da nun mindestens zwei oder drei in meinem Namen, ich heiße übrigens Jeschua, versammelt sind, bin ich also wahrhaft mitten unter euch.“ Die Leute schauen ihn verdutzt an, aber niemand geht weg. "Passt auf, ich erkläre euch nun einmal ein paar der zehn Gebote auf moderne Art und Weise. Wer also Ohren hat der höre – und wer Augen hat, …naja, kennt ihr ja bestimmt.“
Jeschua hebt theatralisch seinen Zeigefinger und verkündet: "Erstens: Lügen haben kurze Beine! Damit sind nicht die Kinder mit ihren Beinchen gemeint, ganz im Gegenteil, merkt euch das Leute. Aber: Wer lügt, der läuft nicht weit und ist viel zu langsam. Die Wahrheit holt ihn
ein - und übrigens: Der Weg ist das Ziel, aber das ist wieder eine andere Geschichte.“
Ein paar Zuhörer murmeln unsicher, aber Jeschua lässt sich nicht beirren. "Zweitens: Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz. Das gilt übrigens auch für Menschen, nur so am Rande bemerkt.
Drittens", fährt Jeschua fort, "was du nicht willst, was man dir tu', das füg' auch keinem andern zu. Einfach, oder? Quasi das Grundprinzip von Anstand und gutem Benehmen, aber noch viel wichtiger.“
Ein Mann in der Menge ruft: "Und was ist mit 'Du sollst nicht begehren deines nächsten Hab und Gut`?"
Jeschua lächelt weise. "Ah, gute Frage, mein Freund! Warum so umständlich daherreden, dazu sage ich nur: Woher nehmen und nicht stehlen? Tja, da muss man eben kreativ werden. Ehrliche Arbeit zum Beispiel ist eine tolle Idee und eine interessante Erfindung.“
Die Menge unterhält sich jetzt angeregt und fühlt sich ebenso kurzweilig unterhalten von diesem seltsamen, aber sympathischen Straßenprediger. Jeschua ist voll in seinem Element und legt nach: "Jetzt wird's ein bisschen heikel Leute. 'Auge um Auge, Zahn um Zahn' – kommt euch der Spruch bekannt vor? Vergesst den am besten gleich wieder, versteht heute eh keiner mehr. Nehmen wir stattdessen lieber: Der Klügere gibt nach. Klingt langweilig, ich weiß, aber glaubt mir, es erspart euch 'ne Menge Ärger und zahnärztliche Rechnungen!
Auch sollst du nicht falsch‘ Zeugnis reden wider deinen Nächsten, sondern eher daran denken, dass Reden Silber
und Schweigen Gold ist, also kurz gesagt – lieber Schnabel halten.“
Die Menge johlt vor Vergnügen… „Schnabel halten hat er gesagt!“ Jeschua setzt zum Finale an: "Und zu guter Letzt, meine Mitbrüder: Stille Wasser sind tief. Das passt zwar nicht direkt zu den zehn Geboten, aber ich finde, es klingt irgendwie cool und geheimnisvoll. Außerdem will ich euch damit daran erinnern, dass man jemanden nicht nach seinem Äußeren beurteilen soll.“ Jeschua schmunzelt: „ Wer weiß, vielleicht steht ja gerade, seltsam bekleidet, in ‚Jesuslatschen` mitten im Winter, der Messias vor euch und ihr merkt es gar nicht!"
Da bricht die Menge in schallendes Gelächter aus. Ein kleines Mädchen zupft fragend an Jeschuas Gewand: "Bist du Jesus?"
Der beugt sich zu ihr hinunter und flüstert: "Was denkst du denn, meine Kleine?"
Das Mädchen schmunzelt und meint: "Nein, du kannst eigentlich gar nicht Jesus sein. Der hätte bestimmt keine so lustigen Witze gemacht!"
Jeschua entgegnet lächelnd: Kleinen Menschen wie dir gehört das Himmelreich. Dann wendet er sich um und verschwindet im Getümmel des adventlichen Treibens. Vielleicht haben ja ein paar Neumarkter seine Botschaft in dieser hektischen, geschäftigen Vorweihnachtszeit verstanden.
Das kleine Mädchen ganz bestimmt.
Verlag, Kreativwerkstatt, Ideenschmiede für Wort, Bild, Ton
