An besonderen Dezembertagen
ist weniger die Heilkunst,
als eine Gesprächstherapie gefragt.
So mancher denkt da,
von typischen Berufskrankheiten
und anderen Zipperlein geplagt,
an den Ruhestand… und an einen würdigen Nachfolger.
Es ist ein ganz gewöhnlicher Dezembertag in der kleinen Stadt Parsberg, wo sich, durchaus positiv gemeint, Fuchs und Hase gute Nacht sagen, weil es dort nämlich noch freundliche, gutgelaunte Füchse und Hasen gibt. Genauer gesagt ist es doch kein so ganz gewöhnlicher Tag, als sich die Tür zur Ergotherapiepraxis öffnet, in der Lara arbeitet. Wenn ich es mir recht überlege, ist es auf den Tag genau der 5. Dezember. Auch der Ausdruck „arbeiten“ ist an dieser Stelle unangebracht, eine ungeschickte Beschreibung dessen, was Lara mit Hingebung zelebriert und der Fachkundige landauf, landab, die `wunderbare Heilkunst der Ergotherapie` nennt. Doch zurück zur Geschichte.
An dem besagten Tag im Advent ist ein neuer Patient herbestellt. Zur vereinbarten Zeit betritt ein älterer Herr mit langem Bart die Praxis, gekleidet ist er mit einem Mantel, am Kragen mit weißem Pelzbesatz. `Haha, bestimmt Kunstfellpolarfuchs` lacht Lara innerlich, die gerade mit dem Checken der elektronischen Patientenakten beschäftigt ist und nur kurz aufblickt. Als Vegetarierin wäre es ja schlimm, gar nicht auszudenken: echtes Fell, nackte Polarfüchse. `Und es ist ja sooo kalt heute draußen`, witzelt sie weiter in Gedanken, `nene, kein Verlass mehr auf die Wetter-Apps, hört man in letzter Zeit immer wieder‘. Dann ruft sie dem Neuankömmling auf parsbergerische Art zu: "Grüß Gott! Bitte nehmen Sie Platz, ich bin gleich bei Ihnen“. Ihr Blick streift den Ankömmling nur ganz nebenbei.
Der alte Mann legt den Mantel ab, setzt sich schwerfällig auf einen der Wartestühle und stöhnt leise. Nach ein paar Minuten bittet Lara ihn höflich aber bestimmt ins Behandlungszimmer.
Wie war gleich wieder der Name des Patienten? Lara überlegt angestrengt, irgendein Insekt, … Fliege… nein, Käfer… nein,…
"So, was führt Sie denn zu mir, Herr Laus(?)“, fragt sie freundlich, nachdem ihr der Name endlich wieder eingefallen ist. In Erwartung dessen, was der schon in die Jahre gekommene Mann für Beschwerden hat, nimmt sie ihr 10-Zoll-Tablett mit Eingabestift in die Hand. Der Patient räuspert sich. "Nun ja, Frau Fischer, ich habe da so einige Beschwerden. Wissen Sie, mein Beruf ist nicht gerade der leichteste."
Lara nickt verständnisvoll und runzelt die Stirn. In welchem Bereich arbeiten Sie denn?"
"Äh, nun ja, ich bin sozusagen in der... äh... Geschenkeverteilung tätig", antwortet der Mann verschmitzt.
"Verstehe", sagt Lara, eifrig mit dem Tablett beschäftigt, "und welche Beschwerden plagen Sie konkret?"
Der alte Herr beginnt aufzuzählen: "Also, da wären zunächst einmal diese schrecklichen Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich. Wissen Sie, das kommt vom vielen Schleppen der schweren Säcke."
Lara notiert eifrig. "Mhm, das klingt nach einer klassischen Überlastung. Was noch?"
"Nun, in letzter Zeit habe ich auch Probleme mit der Farbwahrnehmung. Besonders Rot und Grün kann ich kaum noch unterscheiden, das macht die Arbeit mit dem Schenken nicht einfacher." „Ah, Sie schenken also aus, in einer Bar oder Kneipe, vermute ich - und verwechseln zum Beispiel roten Campari mit grünem Escorial. In der Tat fatal, fatal. Will jemand einen Aperitif vor dem Essen, servieren sie Ihm stattdessen etwas angeblich Gesundes: Einen Kräuterlikör. Sie leiden an einer Rotgrünschwäche, interessant“, diagnostiziert Lara fachkundig, „das sollten wir vielleicht noch genauer untersuchen lassen".
"Und dann wären da noch die Konzentrationsschwierigkeiten", fährt der bärtige Mann fort. "Ich vergesse ständig, wer welches Geschenk bekommen soll. Sie glauben gar nicht, wie peinlich das sein kann!"
„Was, sie verschenken auch noch die Getränke? Da wird sich aber Ihr Chef, ich meine Mitarbeiter, nicht gerade freuen“. Sarah schmunzelt. "Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Gibt es sonst noch etwas?"
Der alte Herr seufzt. In einem spontanen Anfall von unbeholfener Witzigkeit murmelt er erst und brummt im Verlauf lauter und deutlicher werdend: "Ich hab so schwere Beine, ich wollt` es wären deine, Frau Fischer…, ach was, Lara, ich sag` jetzt einfach du, in meinem Geschäft macht man das. Mich darfst du Niko nennen. Glaub mir Lara, all die Treppen, all die winzigen Wohnungen, die Dachschrägen, an denen man sich den Kopf anschlägt, es wird einfach zu viel." Lara ist zwar etwas überrumpelt, legt dann aber ihr Tablett und den Eingabestift beiseite und sieht ihren Patienten zum ersten Mal richtig an. "Das klingt wirklich nach einer Menge Beschwerden. Lass uns mal mit ein paar einfachen Übungen beginnen, Niko.“
Sie leitet durch eine Reihe von Dehnungs- und Entspannungs-übungen. Währenddessen plaudert der alte Mann weiter. "Weißt du Lara, ich denke langsam ans Aufhören. Der Job ist einfach zu anstrengend geworden."
Ganz die Ergotherapeutin, die gerade dabei ist, seine verspannten Schultern mit Handkanten und Fäusten zu massieren, hält Lara nur kurz inne. "Oh, das tut mir aber leid. Hast du denn schon einen Nachfolger im Auge? Einen Grauen Star sozusagen? Tut mir leid Niko, das Wortspiel musste sein, ist mein Humor, habe ich geerbt.“
„Kein Ding“, der alte Niko nickt heftig. "Tatsächlich ja! Es gibt da einen, sagen wir mal Beinahe-Rentner, naja, einen beinahe Vollrentner also aus Neumarkt, der wäre perfekt für den Job. Er weiß hervorragend über Licht Bescheid, er kennt sogar den Unterschied zwischen Lampen und Leuchten. Ein Fachmann sozusagen, eine Fachfrau würde übrigens auch gehen, …na gut, der Bart, aber sonst?! Stell dir einmal vor, Lara, Licht in jeglicher Form, bunt, einfarbig, hell, gedimmt, Christbäume, Weihnachtsbeleuchtung, punktförmig, flächig, in der heutigen Zeit gerne auch mal als Laser: Von Scheinwerfern ist der Typ beinahe besessen. Und wenn er mal nicht will, bockig ist, macht er einfach kein Licht. So einen Kerl suche ich. Außerdem hat er von Natur aus einen einigermaßen prächtigen, angegrauten Bart."
Lara lacht. "Das klingt ja wirklich ideal. Wie bist du denn auf deinen Nachfolger in spe gekommen?"
"Nun, ich habe ihn zufällig entdeckt und beobachtet. Er ist etwas schrullig und brummbärig, aber das passt eigentlich ganz gut, vielleicht nennt er sich ja, wenn`s einmal soweit ist, genauso wie ich, das wäre aus Traditionsgründen sogar ganz gut: Niko Laus. Lara nickt abwesend, während sie weiter an Niko`s verspannten Muskeln arbeitet. Plötzlich hält sie inne. "Moment mal... Ein Beinahe-Rentner aus Neumarkt, lichtbesessen, Punktstrahler, Laser, angegrauter Bart, schrullig und brummbärig?"
Der alte Mann lächelt verträumt. "Ja, genau. Ich denke, der wäre perfekt für den Job."
Lara tritt einen Schritt zurück und starrt ihren Patienten ungläubig an. "Aber... aber das hört sich verdam.., hallelujah nach Papa an!"
In diesem Moment fällt es ihr wie Schuppen von den - „schmunzel“ - Augenbrauen. Sie sieht den alten Mann vor sich genauer an, den roten Mantel, den weißen Bart, die freundlichen Augen. "Oh mein Gott", haucht sie. "Du bist... du bist ja der Nikolaus!"
Der ältere Herr schmilzt unter Laras Fingern dahin, wie es normalerweise nur Schokoladennikoläuse in der gleichen Lage tun: "Hohoho, da hast du mich erwischt, Lara. Ich dachte schon, du würdest mich gar nicht mehr erkennen."
Lara lässt sich auf einen Stuhl fallen. "Aber... wie... warum...?"
Der Nikolaus lacht herzlich. "Nun, ich wollte sehen, ob du deinen alten Nikolaus noch erkennst. Übrigens, nachdem ich dich auch schon von Kindheit auf kenne, weiß ich, wie wichtig dir das Tierwohl ist: Ich habe tatsächlich schon lange auf Kunstfell umgestellt. Mantelkragen, Schlittensitz und so weiter, kannst dir ja vorstellen, wie erleichtert jetzt meine befellten Zugtiere sind, wobei ich ja nie eines von ihnen…, na, lassen wir das. Könntest du so nebenbei weiter an meinen Wehwehchen laborieren?"
Lara macht sich am alten Körper wieder an die Arbeit und schüttelt ungläubig den Kopf, jedoch nicht wegen des Zustand des betagten Nikolausleibes, sondern wegen: "Und du willst wirklich, dass mein Papa dein Nachfolger wird?"
"Warum nicht?", schmunzelt Niko. "Er hat schon Vieles, was man in meiner Branche braucht: einen gediegenen, ansehnlichen und doch nicht zu gewaltigen Bart, Erfahrung mit Lichtern für jede Stimmungslage und jeden Zweck, etwas Mürrisches, Launenhaftes für ein gescheites HoHoHo zum Beispiel und nicht zu vergessen: Ein großes Herz am rechten Fleck, nee, am linken. Na ist ja auch egal. Das nächste Jahr könnte er ja bereits als Nikolauspraktikant gemeinsam mit mir durch die Nacht streifen und sich schon mal mit Knecht Ruprecht anfreunden. Und du kannst das Jahr über ein wenig darauf schauen, dass dein Papa nicht zu dick wird, sonst hilft am Ende auch kein Wunder mehr.“ Lara muss lachen. "Stimmt könnte ich. Aber ob Mama davon begeistert sein wird, wenn Papa dann jedes Jahr am 5. Dezember die halbe, bei seiner Arbeitsweise wahrscheinlich die ganze Nacht unterwegs ist?"
Der Nikolaus zwinkert: "Oh, ich denke, sie wird sich daran gewöhnen. Vielleicht kannst du ihr ja ein paar Entspannungsübungen beibringen?" „Genau, genau, da besteht in der Tat sowieso schon Grundbedarf.“ Nachdem sich die Therapiestunde bereits dem Ende nähert beendet Lara die Behandlung: „Also, das war`s für heuer. Im Vorraum wartet schon der nächste Patient, ein Kind, Niko, das wird doch nicht das Christ…“ „nein nein lacht der Nikolaus und lobt die tolle Behandlung bis in den Himmel: „Danke Lara, mein Engel. Denk dran: Papa - BMI, Bart nicht zu kurz, wenn er lacht nicht hihihi, sondern hohoho und nächstes Jahr erst einen Tag vor Nikolaus Bescheid geben, was ihn erwartet, sonst ist er schon das ganze Jahr über nervös.“ Herr Laus ächzt sich aus dem Behandlungsstuhl und verlässt nach einem väterlichen „Servus“ die Praxis.
Draußen wartet schon ein toller Schlitten mit Kunstledersitzen und satten sechs RS – RentierStärken ;-)
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