Henne Riette

Henne Riette lächelt, ein paar anderen Hühnern sieht man auch bereits das Leuchten der Erkenntnis an...


„Ich habe die Erleuchtung“, flüstert eine Henne der anderen. Freudig erregt und überglücklich nestelt sie am Federkleid. „Unsere Welt ist in Wahrheit ein Hühnerhof.“

Ungläubiges Gackern ringsum. Henne Riette wird argwöhnisch beäugt: ein Hühnerhof… was soll das bedeuten?!“

„Kikeriki“! Ein von Natur aus buntgfärbt-, nein, -geschmückter SchreiHahn schreitet stolz einher.

„Was gibt’s, außer den althergebrachten Wahrheiten? Darunter fällt ganz natürlich, muss man nicht extra betonen, Fressen und Fortpflanzung in der wohl bekannten Hackordnung“.

„Henne Riette hatte eine, nein die Erleuchtung: Wir alle hier, in unserer einzigartigen Welt, lebten angeblich ‚nur‘ auf einem sogenannten Hühnerhof“.

„Ach alles Kikeriki“! Der junge Gockel mit dem auffälligen Federschmuck gesellt sich zu dem Haufen anderer Hähne auf den Mist, nachdem er den Hennen seine einsilbige Meinung gekräht hat.

 

Die Sonne geht wie gewohnt unter - und, fast selbstverständlich - wieder auf. Fast.

Henne Riette weiß Bescheid: Die Hähne krächzen jetzt, jedoch wie eh und je laut, bunt und überzeugt, einer wie der andere. „Wir investieren in die Kuhzunft, …äh, Zukunft“, diagnostiziert ein Überbunter, „nicht zuletzt mit unseren Stimmen. Die Sonne bringt es an den Tag, schaut, dort drüben und ringsherum, seht ihr nicht das vergitterte Ende der Welt? Wir alle hier sind einzigartig, sozukrähen die Herren – äh, und selbstverständlich die Damen – der Schöpfung, die Kuhzunft, na, ihr wisst schon, ist unser.

Jeden Morgen erheben wir Hähne unser erhabenes Krähen, ohne die die Sonne uns bestimmt längst vergessen hätte. Dafür erwarten wir nicht einmal Dank, uns reicht bereits der Lohn.“

 

Henne Riette lächelt, ein paar anderen Hühnern sieht man auch bereits das Leuchten der Erkenntnis an. „Alles ist eins“ gackert sie leise im HühnerHaus, während sie sich,  auf der Stange neben ihren Artgenossen, zur Nacht wohlig aufplustert. „…Und grenzenlos ewig“ ziept ein Nachbar bereits im Halbschlaf, „allzeit ewig“. Dabei schmunzelt er über das ‚allzeit‘, weil es so gar nicht zum Ewigen passt.

 

Draußen ist es bereits  dunkel und es wird wie noch lange dunkel bleiben, so wie jede Nacht, wo selbst die buntesten Gockel grau sind.

Eine Schar grauer Hähne steckt  noch immer, weit bis über die verschuppten KrallenFüße, tief im Mist und scharrt lautlos im Ungewissen. Die Grauen ahnen, dass ihr Krähen hier und jetzt  völlig fehl am Platz – womöglich gar lebensgefährlich ist. Und tatsächlich, „Ausserweltliche“, darunter Menschen, Katzen, oder Marder würden dem sinnlosen Lärm womöglich bald ein Ende bereiten…

 

Henne Riette träumt währenddessen: Sie hat in Wirklichkeit wunderbare weiße Flügel und fliegt damit über den WeltenRand hinaus.

Dann schläft sie ein…

 

© 11. Mai 2016 Werner Forster

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